Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins – Milan Kundera

Das Buch startet mit einer Betrachtung von Nitzsche: „alles wird sich irgendwann so wiederholen, wie man es schon einmal erlebt hat, und auch diese Wiederholung wird sich unendlich wiederholen!“

Da ich philosophisch kein fundiertes Vorwissen habe, lies ich diesen einleitenden Satz erst einmal stehen. Später schlug ich Nitzsches „unendliche Wiederkehr“ dann doch nach 🙂 .

Eine stetige Wiederholung des Lebens würde bedeuten, dass es keine Entwicklung der Menschen gibt. Das Leben verläuft in den ewig gleichen Bahnen. Eine furchtbare Vorstellung, wie ich finde. Nitzsche nannte diesen Gedanken der „ewigen Wiederkehr“ auch das „schwerste Gewicht“. Die Schwere drückt den Menschen zu Boden. Gleichzeitig bedeutet das Schwere aber auch, dass der Mensch durch den Druck näher an der Erde, also den irdischen Dingen, ist. Im Umkehrschluss würde dies aber bedeuten, das Leichtigkeit eine Entfernung zur Erde darstellt. Leichtigkeit bedeutet dann schwerelos zu sein, emporzusteigen.

Bevor ich überhaupt mit der Geschichte über Thomas und Teresa starteten konnte, kreisten meine Gedanken über die Wahl des Schweren oder des Leichten.

Erster Teil – Das Leichte und das Schwere

In diesem Teil lernen sich die beiden Hauptfiguren Thomas und Teresa kennen. Beide haben völlig verschiedene Ansichten zum Thema Liebe und Beziehung. Thomas trennt seine Körperlichkeit und seine Gefühle in den Beziehungen zu Frauen. Einzige Ausnahme ist Teresa die zum „Kind wird, das er beschützen möchte“. Er kann ohne seine erotischen Abenteuer mit wechselnden Partnerinnen nicht leben. Teresa kann damit nur schlecht umgehen. Sie erträgt wissentlich seine Ausflüge zu den anderen Frauen. In meiner Interpretation steht Thomas in dieser Situation für die Leichtigkeit und Teresa für das Schwere. Thomas genießt das Leben, ohne seine Bedürfnisse zurückzustecken. Teresa erträgt sein Verhalten und belastet sich zunehmend.

Neben Teresa spielt auch die Künstlerin Sabrina (emigriert später nach Genf) eine wichtige Rolle in Thomas Leben. Derweil alle anderen Geliebten „namenlos“ bleiben, bekommt der Leser von dieser Geliebten viele Detailinformationen.

Kundera versteht es die Handlung mit den Gegebenheiten des Kalten Krieges zu verknüpfen. Der Leser erhält viele Hintergrundinformationen über die Lage in der damaligen Tschechoslowakei. Kundera wirkt dabei keinen Augenblick trocken.

Zweiter Teil – Körper und Seele

Kundera betrachtet die Beziehung von Teresa zu ihrer Mutter.

Teresas Mutter kannte kein Tabu und merkte dabei nicht, wie sie Teresa schädigte und erniedrigte. Eine Textstelle, in der dies besonders deutlich wird: Teresa liegt in der Badewanne und der Stiefvater kommt herein. Teresa fühlte sich verständlicherweise peinlich berührt. Die Mutter entgegnete ihr, „für wenn sie sich hielte und er ihr schon nichts weggucken würde“- sie sei eben nichts Besonderes. Diese Verachtung ihres Köpers liegt schwer auf Teresa. Thomas ist ihr hierbei mit seinen Ansichten über Liebe und Sexualität leider auch keine Hilfe, um ein gesundes Selbstbewusstsein zu erlangen.

Dritter Teil – Unverstandene Wörter

Dieser Teil beschreibt hauptsächlich Thomas Geliebte Sabrina und deren „Beziehung“ zum Universitätsdozenten Franz. Ich finde dieses Kapitel im Nachhinein eines der gelungensten des ganzen Buches.

Unverstandene Wörter – die unterschiedliche Wahrnehmung verschiedener Begrifflichkeiten.

Jeder einzelne verbindet gleiche Wörter mit anderen Definitionen oder Gefühlen – aufgrund von Erfahrung, Lebensgeschichten oder verschiedenster Wegen, die die einzelnen Personen beschritten haben. So auch bei Sabrina und Franz. Die beiden sind sehr verschieden und bilden meiner Meinung nach ein Paradebeispiel für die unterschiedliche Wahrnehmung von Wörtern. Am deutlichsten kommt das durch “in der Wahrheit zu leben” zum Ausdruck. Für Franz bedeutet es “Nicht zu lügen, sich nicht zu verstecken, nichts zu verheimlichen”. Für Sabina hingegen, dass man seine Intimität nicht aufgibt, sein Geheimnis wahrt. Zur Lüge wird das Verhältnis zu Frank für sie, indem man diesem ein Publikum gibt.

Warum das Kapitel für mich zu so etwas besonderen wird? Hier erfährt der Leser, was mit Teresa und Thomas zum Schluss passiert. Der Kreis schließt sich für Sabrina, für den Leser bleibt er aber offen. Selbst am Schluss liegt der Tod von Teresa und Thomas noch in der Zukunft.

Vierter Teil – Körper und Seele

Teresa zerbricht mehr und mehr. Dies gipfelt für mich, in einer sehr seltsame Szene, von der ich hoffe, dass es ein Traum Teresas war:

Tomas schickt Teresa zum Laurenziberg, damit sie dort die Erlösung durch den Tod finden kann. Die Grenzen zwischen Realität und Traum verwischen an dieser Stelle sehr stark. Und da ist es wieder das Gefühl von Schwere und Leichtigkeit – die Schwere, an der Teresa zerbricht und die Leichtigkeit durch den erlösenden Schuss aus dem Gewehr der Männer auf dem Laurenziberg.

Hinweis: Teresa und Thomas sind inzwischen nach Zürich emigriert

Fünfter Teil – Das Leichte und das Schwere

Teresa und ihr Hund Karenin sind wieder in Prag. Thomas findet in Zürich einen Zettel von ihr auf dem Tisch: “Für dich ist das Leben so leicht, für mich so schwer. Ich gehe wieder zurück in das Land der Schwachen.” – Thomas ist frei. Doch er hält es nicht lange aus und folgt Teresa wieder zurück nach Prag.

Für Thomas ändert sich durch die Rückkehr alles. Er soll einen politischen Artikel wiederrufen, den er vor Jahren geschrieben hat. Thomas weigert sich und verliert seinen Job als Chirurg. Er wird Fensterputzer – dies ist keinesfalls eine Tragödie für Thomas, denn es ergeben sich noch bessere Gelegenheiten für seine erotischen Abenteuer.

Teresa hingegen baut mehr und mehr ab.

Thomas duscht sich nach seinem Arbeitstag, aber er vergisst die Haare – so muss es Teresa Nacht für Nacht ertragen, dass sie durch sein Haar einen fremden Schoß riecht.

Sechster Teil – Der große Marsch

Ein sehr politisches Kapitel. Mit dem Tod von Stalins Sohn läutet Kundera wieder einen seiner Grundgedanken ein. Sterben mit oder ohne Grund, sinnhaft oder für eine Dummheit.

Kundera hat es mit seinen Betrachtungen leider nicht geschafft mich zu fesseln. Dieses Kapitel plätscherte leider nur so dahin.

Was mit den Charaktere passiert: Franz stirbt.

Siebter Teil – Das Lächeln Karenins (Thomas und Teresa leben mitlerweile  in einem kleinen Dorf in Böhmen)

Karenin, Teresas intimster Vertrauter und Freund.

Karenin bekommt Krebs. Es ist eines der einfühlsamsten Kapitel des Buches.

Kundera widmet dieses Kapitel in einer solch liebevollen Art dem Tod des Hundes, dass ich mit den Charakteren und dem Hund mitgelitten habe. Ich konnte die Trauer und den Schmerz spüren! Und ich konnte Karenin lächeln sehen – wunderschön!

Ich glaube dies ist die längste Rezension, die ich bis jetzt geschrieben habe. Ich kann dieses Buch wieklich sehr empfehlen.

 (Denkanstöße für Interpretationen lieferte mir die Leserunde der Büchereule.de)

Die mit “” gekennzeichneten Sätze sind zitierend oder vergleichend aus dem Buch entnommen.

Eure Meggie

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