Mein Vater – ewiger Wegbegleiter

Wer war mein Vater, was war er für ein Mensch?

Wenn mich das jemand fragt, fehlen mir die Worte. Was soll ich nur sagen – etwa mein Vater war Alkoholiker, leider weis ich nicht viel von ihm. Er lebte sehr zurückgezogen.

An was ich mich allerdings sehr gut erinnern kann ist die Angst, die ich vor ihm hatte.

Wenn er getrunken hatte, rumschrie und die Familie beleidigte war er unsagbar stark – stark wie ein Baum, aber auch sehr unberechenbar. Ich wusste nie in was der Streit gipfeln würde.

Meinen Vater erlebte ich lediglich bis 10 Uhr morgens als „normal“. Danach begann er zu trinken und dann hieß es aufpassen. Keinen falschen Blick. Nichts falsches sagen, den die Bombe war immer explosionsbereit. Es war ein Labyrinth von Tretminen um mich herum, ich wusste nie mit welchem Verhalten ich sie zur Zündung brachte. 

Zum Trinken setze sich mein Vater immer an einen kleinen Tisch in unserem Vorraum zur Küche. Ich sehe ihn noch heute vor Augen – er wirkte auf mich sehr mitleiderregend und armselig, auch wenn er innerlich eine tickende Bombe war. Als ich von der Schule und später von der Fachhochschule nach hause kam, musste ich durch eben diesen Raum – diesen Raum mit dem kleinen Tisch, an dem mein Vater saß. Kam ich hinein pöbelte er mich an „ist das dumme Ding“ wieder zu hause? Mir ging es schlecht. Am liebsten wollte ich weglaufen – raus und nie wieder kommen. Mein Vater schenkte mir immer wieder Aufmerksamkeit mit Bemerkungen wie „Pfui“ oder „Bäh“ oder eben „ist die dumm“. Ganz nebenbei war ich immer nur der Artikel „die“. Wenn ich das hörte, war ich gemeint. Das passte ja auch irgendwie zu meinem unsichtbar sein. Kein Name – nur ein Artikel, ein Wort aus 3 Buchstaben, das wenig Platz wegnimmt.

Mit ungefähr 14 Jahren sprach ich mit meinem Vater kein einziges Wort mehr. Vielleicht war das meine Art Revolte, ein Hilfeschrei, den allerdings niemand richtig verstand. Meine Mutter setzte mich einmal unter Druck und sagte du musst mit deinem Vater reden. Um ihr zu gefallen tat ich es. Ich hielt das ganze 2 Tage durch, danach konnte ich nicht mehr und stellte das reden wieder ein. Verstanden wurde mein Verhalten allerdings nicht. Das Leben ging weiter ohne sich um das „stumme“ Kind zu kümmern. Einmal sagte meine Mutter auch ich sei Schuld an der ganzen Situation, da ich ja mit Papa nicht spreche. Auch mein Vater gab mir die Schuld an allem „bei einer Tochter wie dir, muss man ja trinken“. Bei solchen Worten war ich ohnmächtig, was soll ich nur tun? Wie kann ich alles wieder gut machen. Ist es besser, wenn ich weg bin? Wird dann alles wieder gut?

Es gibt unzählige Situationen mit meinem Vater, die mich unwiderruflich geprägt haben. Tief in meinem inneren verankert. Ich werde den Situationen einzelne Posts widmen um Platz für meine Gefühle zu haben.

Nur eins noch mein Vater ist 2009 gestorben. Der Schrecken hatte somit für mich ein scheinbares Ende …

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