Schafskälte – Bianka Minte-König (Novelle)

Hallo meine Lieben,

ich kann euch gar nicht mehr sagen, wie ich auf dieses kleine Büchlein gestoßen bin.

Beim Betrachten des Buches dachte ich zuerst an einen spannenden Krimi, doch es sind 176 Seiten, die anders sind.

David und seine Mutter Helen ziehen nach der Scheidung vom Ehemann/Vater zusammen in ein kleines Dörfchen namens Kleinhinneken. Dort übernehmen sie eine Landarztpraxis. Helen verliebt sich in einen Schäferkotten (ein einfaches Haus, abseits des Dörflichen Kerns) am Deich. Das Häuschen zu erwerben gestaltet sich allerdings schwierig. Die Dorfgemeinschaft ist strikt dagegen, dass dieses Haus jemals wieder bewohnt wird. Stattdessen soll es lieber verfallen – die Vergangenheit, man soll sie nicht wecken! Doch Helen gelingt es, den Bürgermeister zu überzeugen und schließlich stimmt auch der Gemeinderat stimmt zu.

Doch was ist das für ein Geheimnis? Niemand spricht darüber. Warum wurden im Jahr 1956 17 Schafe auf dem Kotten ermordet? Und warum nahm sich der Schäfer kurz darauf selbst das Leben? War der Schäfer wirklich der Mörder?

!!!Den nächsten Absatz bitte überspringen, wenn ihr nicht gespoilert werden wollt!!!

Das Buch entwickelt sich plötzlich ganz anders. Vom „Dorfkrimi“, zu den Tiefen einer kranken menschlichen Seele, nach dem Krieg.

Mörder war nämlich nicht der Schäfer, sondern Friedrich – ein Soldat, der die Schrecken des Krieges nie verwunden und auch nie darüber gesprochen hat. Friedrich galt als Tot. Niemand rechnete mehr mit seiner Rückkehr aus dem Krieg – am wenigstens seine Frau. Doch als Friedrich mit dem letzten Zug der freigelassenen Kriegsgefangenen zurück nach Kleinhinneken kam, war seine Frau mit einem anderen verheiratet und trug ein Kind unter dem Herzen. Für Friedrich ein Schock. Friedrich war allein, er fühlte sich einsam und kalt – kalt wie damals bei den Russen. Als er eines Nachts zum Deich ging, stand er mitten in den Schafen – es roch wie die Felljacken der Russen. Er hielt es nicht aus und mordete die 17 Schafe. Der Schäfer, der von der Dorfgemeinschaft lange als Mörder gehalten wurde, nahm sich selbst das Leben, da er die Verleugnungen und den Tratsch nicht mehr standhalten konnte. Der Schäfer wurde Opfer eines Gerüchts, welches nie überprüft wurde. Ob nun aus Feigheit gegenüber der Dorfgemeinschaft oder aus Angst am Ende selbst allein dazustehen. Fakt ist und bleibt, dass der Schäfer unschuldig war und völlig zu Unrecht den Tod gesucht hat. Was eine Gemeinschaft nicht alles erreichen kann …

Dieses kleine Büchlein hat es in sich.

Rückblenden aus dem Jahr 1956 und dem Gegenwartsgeschehen harmonieren toll miteinander.

Die Geschichte wird aus wechselnder Sicht der einzelnen Protagonisten erzählt. Die Abschnitte sind kurz und flüssig zu lesen. Der Spannungsbogen ist grandios.

Und nach dem Lesen?

Ich finde das Buch absolut lesenswert. Vergangenheit bedeutet nicht nur Zahlen und Fakten, aus dem Geschichtsunterricht. Es sind auch die Schicksale einzelner Menschen – Menschen, die schreckliches erlebten und deren Seelen tief verletzt wurden. Menschen, die zum Schluss für etwas kämpften, dass bereits verloren war – Menschen, die teilweise Kinder waren.

Ich kann dieses Buch wirklich weiterempfehlen.

Eure Meggie

Submit a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *