Von meiner „Liebe“ zu Zahlen, besonders den Geraden …

Hallo ihr Lieben,

heute soll es um Zwänge, genauer gesagt Kontrollzwänge, gehen.

Ich kann gar nicht genau sagen, wann es begann …

Als kleines Mädchen zählte ich die Sprossen des Treppengeländers – immer und immer wieder. Es gab mir damals schon ein Gefühl der Sicherheit – ich zählte von oben nach unten und wieder zurück. Zum Schluss von links bis zur Mitte und von rechts bis zur Mitte.

Mein Zähldrang setzte sich fort. Ich zählte auf dem Weg in und aus der Schule – ich zählte die Latten an Gartenzäunen, die Steine auf dem Gehweg, ich balancierte auf dem Gehwegrand und musste genau zweimal mit meinem Fuß in einen Stein passen bevor ein neuer begann.

Meiner „Liebe“ zu Zahlen nahm ihren Lauf …

Ich schaffte es gar nicht mehr ohne zählen auszukommen. Als Teenager eignete ich mir an, die Buchstaben einzelner Wörter zu zählen. Wörter, mit einer geraden Buchstabenanzahl waren mir sympathischer, denn die konnte ich in sich noch einmal teilen – nimm zum Beispiel das Wort „BROT“, ich zählte 1-2-3-4 (vier Buchstaben) und 1-2 Pause (denn es war die Mitte) 3-4.

Ganz oben auf meiner Zählhitliste stand der Lautstärkeregler am Radio oder Fernseher. Hier musste das Volumen immer eine gerade Zahl anzeigen, tat es das nicht, fühlte ich mich unwohl – irgendwie aufgekratzt.

Meine erste Wohnung …

Jeden Morgen die Wasserhähne und den Herd kontrollieren. Bin ich außer Haus, könnte sonst etwas Schreckliches passieren.

Eine „normale“ Routine bevor ich die Wohnung verlassen habe: 1. alle Stecker ausgezogen? (Geräte müssen vom Netz getrennt sein), 2. alle Wasserhähne zu? (mehrmaliges drücken und zuschrauben war nötig – Angst vor Überschwemmung, Wasserschaden), 3. die Heizung auf Null drehen. Ganz egal, ob es kalt war, wenn ich wieder nach Hause kam (Angst vor exorbitanten Heizkostenabrechnungen). Diese Reihenfolge wiederholte ich 2-3 Mal. Immer wieder dieselben Handgriffe, bis ich endlich sicher war, dass nun nichts mehr passieren konnte.

Erklärungsversuche …

Geld spielte in meiner Herkunftsfamilie eine große Rolle – sparen und für schlechte Zeiten vorsorgen. Den Grundsatz sparen habe ich tief in mir verankert. Im Winter saß ich lieber in einer kalten Wohnung, nur um bei der Betriebskostenabrechnung möglichst viel zurückzubekommen. Ich erlaubte es mir nicht, die Heizung anzustellen.

Meine Zwänge, egal ob meine „geliebten“ Zahlen oder die Kontrolle meiner finanziellen Mittel, drücken meine Hilflosigkeit aus. Ich habe das Chaos in meiner Herkunftsfamilie und den damit verbundenen Kontrollverlust versucht dadurch zu kompensieren. Ablegen konnte ich diese Angewohnheit nie – bis heute …

Heute nehme ich Tabletten, kombiniert mit Antidepressiva. Das Ganze ist besser geworden, aber meine „Liebe“ zum Zählen wird wohl immer Bestandteil von mir sein.

Meggie

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